Warum die Zirbe den Tannenhäher braucht

Ein Baum ohne Flügel

Die meisten Nadelbäume machen es sich leicht. Fichte, Kiefer und Lärche haben Samen mit kleinen Flügeln, der Wind trägt sie weg, fertig. Die Zirbe nicht. Ihre Samen sind schwere, nahrhafte Nüsschen ohne Flügel. Und die Zapfen öffnen sich nicht von selbst. Sie bleiben am Baum hängen oder fallen geschlossen zu Boden, wo sie verrotten oder gefressen werden.

Ein Baum, der seine Samen nicht verteilen kann, hat an einem steilen Berghang schlechte Karten. Die Zirbe hat sich deshalb einen Partner gesucht. Oder er sie. So genau weiß das keiner.

Zirbenschönheit
Wenn du im Herbst an der Baumgrenze unterwegs bist und ein heiseres Krächzen hörst, bleib stehen. Da arbeitet gerade jemand. Einer, ohne den es die Zirbe dort oben kaum gäbe.
Diana Audi-Kalinka aufm Markt
Diana
ZIRBELZAUBER

Der gefiederte Förster

Der Tannenhäher ist ein Rabenvogel, etwas kleiner als eine Taube, braun mit weißen Tupfen, als hätte jemand Schnee auf ihn gestreut. Ab August fängt er an, die reifen Zirbenzapfen aufzuhacken. Die Nüsse sammelt er in einem Kehlsack unter der Zunge, oft ein paar Dutzend auf einmal, und fliegt damit los.

Dann versteckt er sie. In kleinen Portionen, im Boden, unter Moos, zwischen Steinen, oft Hunderte Meter oder sogar Kilometer vom Baum entfernt. Je nach Ernte legt ein einzelner Häher in einer Saison etwa 30.000 bis 100.000 Nüsse ab. Das ist sein Wintervorrat. Allein an einem Wintertag braucht er rund 115 Zirbennüsschen.

80 Prozent Gedächtnis, 20 Prozent Wald

Jetzt kommt der Teil, der mich jedes Mal wieder umhaut. Der Tannenhäher findet einen Großteil seiner Verstecke wieder, rund 80 Prozent. Sogar unter einer geschlossenen Schneedecke. Er merkt sich die Lage anhand von Steinen, Bäumen und Geländeformen, monatelang.

Und die anderen 20 Prozent? Die bleiben liegen. Aus einem Teil davon keimen im Frühjahr junge Zirben. Der Vogel pflanzt also einen Wald, indem er ab und zu etwas vergisst. Ich finde, das ist die schönste Arbeitsteilung, die sich die Natur ausgedacht hat.

Was die Forschung heute sagt

Ganz so romantisch ist es nicht. Forscher haben herausgefunden, dass der Tannenhäher seine Nüsse oft an Stellen versteckt, die für ihn praktisch sind, für die Keimung aber ungünstig: zu trocken, zu dunkel, zu viel Konkurrenz. Viele vergessene Nüsse werden deshalb nie zu einem Baum.

Trotzdem bleibt er der einzige wirksame Verbreiter der Zirbe. Mäuse und Eichhörnchen fressen die Nüsse zwar auch, aber sie tragen sie nicht weit. Ohne den Häher würden neue Zirben fast nur direkt unter den alten Bäumen aufwachsen. Und das ist wichtig, denn die Zirbe schützt im Bergwald vor Lawinen und hält mit ihren Wurzeln den Boden fest.

Diana Audi-Kalinka im Zirbenwald

Einer, den man für einen Dieb hielt

Früher hatte der Tannenhäher einen schlechten Ruf. Man hielt ihn für einen Samenräuber, der den Förstern die Zirbennüsse stiehlt, und hat ihn gejagt. Erst später hat man verstanden, dass er es ist, der die Zirben überhaupt erst dorthin bringt, wo sie wachsen. In der Schweiz steht er seit 1961 unter Schutz. Eine späte Entschuldigung.

Warum mich das berührt

Ich arbeite seit 16 Jahren mit Zirbenholz. Jedes Kissen, jede Kugel und jede Holzrose, die bei mir in der Manufaktur entsteht, kommt von einem Baum, der vielleicht vor zweihundert Jahren von einem Tannenhäher vergessen wurde. Deshalb arbeite ich von Hand, und seit über fünf Jahren verschicke ich jede Bestellung in recycelten Secondlife-Kartons. Mehr dazu erzähle ich dir in „Upcycling: für ein besseres Morgen“.

Wer so lange von einem Baum lebt, will auch etwas zurückgeben. Und jetzt kommt die gute Nachricht: Du musst keine 100.000 Nüsse verstecken, um einen Zirbenwald zu pflanzen. Mit einer Baumpatenschaft übernimmst du die Patenschaft für einen Zirbenbaum. Ein schönes Geschenk übrigens, für dich oder für jemanden, der gern in den Bergen ist.

Und wer die Zirbe lieber ins Glas holt als in den Boden: Unser Zirbenschnaps GoldEdition macht das auch ganz gut. Der Tannenhäher würde es verstehen.

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